Öffentliche Erinnerungskultur: Mahnmal, Museum und Marvel.
- Friedemann Götz
- 6. Feb.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Feb.
Im vorherigen Beitrag haben wir gesehen, wie individuell Erinnerung sein kann. Doch Erinnern ist auch immer eine öffentliche Angelegenheit. Gesellschaften als Ganzes entscheiden, wessen Geschichte sichtbar gemacht wird – mit Monumenten, Gedenktagen, Museums-Ausstellungen oder in Schulbüchern. In diesem dritten Teil betrachten wir, wie öffentliche Erinnerungskultur gestaltet wird und wie sie sich wandelt. Wir werfen auch einen Blick darauf, wie unterschiedlich Länder mit ihrer Vergangenheit umgehen, und wo die Grenzen zwischen aufrichtigem Gedenken und politischer Instrumentalisierung liegen. Nicht zuletzt fragen wir: Kann Popkultur – also Filme, Serien, Musik – Teil der Erinnerungskultur sein?

Vergangenheit sichtbar machen: Denkmäler, Gedenktage und Bildung
Öffentliche Erinnerungskultur begegnet uns fast überall im Alltag. Jede Statue eines historischen Helden, jede Straße, die nach einer berühmten Person benannt ist, ist Teil davon. Klassische Formen sind Denkmäler und Mahnmale, die an Ereignisse oder Personen erinnern sollen. Zum Beispiel findet man in Frankreich kaum ein Dorf ohne einen Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs – selbst über 100 Jahre nach dem „Grande Guerre“ sind Leid und Tod jener Zeit im kollektiven Gedächtnis präsent . In Deutschland stehen Stolpersteine vor den Häusern, um an die Opfer des Holocaust zu erinnern, und in den USA symbolisiert das Vietnam Veterans Memorial in Washington, D.C. das Trauma des Vietnamkriegs.
Neben physischen Orten spielen Gedenktage eine wichtige Rolle. Fast jedes Datum im Kalender ist inzwischen irgendein Jahrestag oder Welttag: vom Holocaust-Gedenktag (27. Januar) über den 8. Mai (Kriegsende 1945) bis zum 11. November (Waffenstillstand 1918, besonders in Frankreich und Belgien begangen). Solche Tage strukturieren das öffentliche Erinnern – sie schaffen wiederkehrende Momente der kollektiven Reflexion. In Schulen und Medien wird dann verstärkt über das betreffende Ereignis berichtet. So wächst ein Grundwissen heran, welche historischen Ereignisse „wichtig“ sind.
Nicht zu vergessen: Schulunterricht und Gedenkstätten-Besuche. In vielen Ländern ist der Geschichtsunterricht ausdrücklich dazu da, eine gemeinsame Erinnerungskultur zu vermitteln. In Deutschland gehört beispielsweise die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus fest zum Curriculum – Schulklassen besuchen KZ-Gedenkstätten, um die Verbrechen des NS-Regimes begreifbar zu machen. Dies geschieht aus dem Anspruch heraus, Geschichte als Mahnung erlebbar zu machen, aber auch um die jüngere Generation zu mündigen Bürgern zu erziehen, die aus der Vergangenheit lernen sollen. Öffentliche Erinnerungskultur hat also auch immer einen Bildungsauftrag.
Unterschiede internationaler Erinnerungskulturen
Obwohl viele Länder ähnliche Instrumente nutzen (Denkmäler, Feiertage, Museen), unterscheiden sich ihre Erinnerungskulturen teils beträchtlich. Das liegt daran, dass jede Nation ihre eigene Geschichte und damit auch ihre eigenen „prägenden” Ereignisse hat. Schauen wir auf ein paar Beispiele...

Frankreich
Hier stehen der Triumph der Französischen Revolution und die beiden Weltkriege im Zentrum des Gedenkens. In nahezu jedem Ort gibt es Monumente für die poilus (die Gefallenen des Ersten Weltkriegs). Gleichzeitig tat sich Frankreich lange schwer, die dunkleren Kapitel seiner Geschichte – wie die Kollaboration des Vichy-Regimes oder die Brutalität im Algerienkrieg – aufzuarbeiten. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden diese Themen stärker in die öffentliche Erinnerung aufgenommen. Heute spricht man in Frankreich vom „devoir de mémoire“, der „Pflicht zur Erinnerung“, etwa was den Holocaust betrifft. Allerdings ist der Ton oft patriotischer als in Deutschland: Man gedenkt der Opfer, aber feiert auch die Helden.
USA
Die Vereinigten Staaten haben eine sehr patriotische Erinnerungskultur. Nationalfeiertage wie der 4. Juli (Unabhängigkeitstag) sind festliche Anlässe, Geschichte zu feiern. Kriegsveteranen genießen hohes Ansehen; Memorial Day ehrt die im Krieg Gefallenen. Doch es gibt auch umkämpfte Erinnerungen: etwa die Konföderierten-Denkmäler in den Südstaaten, die für viele an die Unterdrückung der Schwarzen und die Verherrlichung der Sklavenhalter-Ära erinnern. In jüngerer Zeit kam es vermehrt zu Debatten und Protesten, ob diese Statuen fallen sollten – Kritiker sagen, sie vermitteln ein verharmlosendes Geschichtsbild und ignorieren die Schrecken der Sklaverei. Dieser Streit zeigt: Erinnerungskultur kann zum Austragungsort aktueller Konflikte um Identität und Werte werden.
Israel
In Israel ist die Holocaust-Erinnerung zentraler Bestandteil der nationalen Identität. Yom HaShoah, der Holocaust-Gedenktag, bringt jedes Jahr das ganze Land für zwei Minuten zum Stillstand – Sirenen ertönen, und die Menschen verharren schweigend in Gedenken. Museen wie Yad Vashem halten die Erinnerung wach, und bereits Schulkinder lernen intensiv darüber. Daneben gedenkt Israel auch dem Unabhängigkeitskrieg und den gefallenen Soldaten (Yom HaZikaron). Interessanterweise existiert in Israel neben der dominanten Shoah-Erinnerung auch die Erinnerungskultur der palästinensischen Bürger (die Nakba, Vertreibung 1948), die jedoch politisch sehr sensibel und lange tabuisiert war. Hier prallen also unterschiedliche Narrative aufeinander – was für die einen Staatsgründung ist, ist für die anderen Verlust der Heimat.
Südafrika
Nach dem Ende der Apartheid verfolgte Südafrika einen Weg der Versöhnungs-Erinnerung. Statt primär Denkmäler zu errichten, setzte man eine Wahrheits- und Versöhnungskommission ein, vor der Täter und Opfer die Verbrechen der Apartheid benennen konnten. Ziel war es, durch Dialog und öffentliche Zeugnisse eine Grundlage für eine gemeinsame Zukunft zu schaffen. Öffentliche Erinnerung manifestiert sich heute u. a. im Apartheid-Museum in Johannesburg oder dem Day of Reconciliation (Versöhnungstag) am 16. Dezember. Allerdings gibt es in Südafrika auch Kritik, dass man eine „Überproduktion von Erinnerungen“ habe – etwa mehrere Mahnmale an einem Ort – ohne diese wirklich in die aktuellen Lebensrealitäten einzubetten. Die spannende Herausforderung dort ist, Erinnerungskultur so zu gestalten, dass sie nicht nur das Opfersein verewigt, sondern auch die kreative Kraft des Widerstands und den Aufbruch ins „Post-Apartheid” würdigt.
Diese Beispiele zeigen: Erinnerungskultur ist kontextabhängig. Was erinnert wird und wie, hängt von nationalen Erfahrungen ab. Wichtig ist dabei, dass keine Erinnerungskultur statisch ist – sie kann und muss sich an neue Erkenntnisse und Moralvorstellungen anpassen. In Deutschland etwa wurde lange vor allem der beiden Weltkriege gedacht, aber Kolonialverbrechen blieben weitgehend ausgeblendet. Erst jüngst beginnt man, etwa den Völkermord an den Herero und Nama in Namibia offiziell anzuerkennen und nach Gedenkformen zu suchen. Erinnerungskultur kann also wachsen und neue Felder einschließen.
Politische Instrumentalisierung vs. Bildungsauftrag
Öffentliches Erinnern bewegt sich immer auf einem schmalen Grat: Wird hier ehrlich Vergangenes aufgearbeitet – oder dient es politischen Zwecken? Geschichte kann nämlich leicht zur „Waffe“ werden, wie ein Historiker es ausdrückte. Regierungen oder Parteien nutzen manchmal Erinnerungen, um ihr Weltbild zu untermauern oder Gegner zu delegitimieren. Ein aktuelles Beispiel ist Russland, das im Krieg gegen die Ukraine die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg propagandistisch ausschlachtet (angeblich kämpfe man wieder gegen „Faschisten“). Hier wird deutlich: Geschichtspolitik – also das gezielte Lenken des kollektiven Gedächtnisses durch den Staat – kann zur Legitimation fragwürdiger Ziele eingesetzt werden. Auch in Demokratien gibt es Diskussionen, ob bestimmte Gedenkformen politisch gefärbt sind. In Deutschland sprechen Kritiker z. B. von einer Instrumentalisierung, wenn rechtspopulistische Stimmen versuchen, einen „Schuldkult“ zu beklagen oder die NS-Zeit relativierend umzudeuten.
Doch der Bildungs- und Mahnauftrag der Erinnerungskultur darf darüber nicht in Misskredit geraten. Gedenkstätten und Museen wehren sich aktiv gegen Verzerrung und Fake News. Sie sind wichtige Akteure, um in sozialen Medien und öffentlichen Debatten mit Expertise entgegenzutreten. So hat z. B. die KZ-Gedenkstätte Auschwitz eine sehr präsente Social-Media-Arbeit und postet regelmäßig historische Fakten, Bilder von Opfern und kontextualisierte Informationen, um dem Vergessen und Fälschen der Geschichte entgegenzuwirken. Solche Institutionen erinnern uns daran, dass Erinnerungskultur eine Verantwortung ist: Sie soll wahrhaftig bleiben und offen, damit wir wirklich daraus lernen. Darum braucht es auch kritische Medienkompetenz bei uns allen – wir müssen lernen zu unterscheiden, ob eine historische Erzählung auf soliden Quellen beruht oder bloß politische Stimmungsmache ist.
Auf der positiven Seite kann öffentliche Erinnerungskultur wahre Heilung und Verständigung fördern. Man denke an Städte, die Partnerschaften mit ehemaligen Feindesländern schließen (z. B. deutsch-französische Freundschaft nach 1945) oder an gemeinsame Gedenkveranstaltungen über Ländergrenzen hinweg. Wenn Geschichte gemeinsam erinnert wird, kann aus früherer Feindschaft Versöhnung entstehen. Hier zeigt sich Erinnerungskultur als demokratische Praxis: Es geht darum, vielstimmig zu erinnern – Opfer, Täter, verschiedene Gruppen einzubeziehen – und so ein aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein zu schaffen, das in die Zukunft weist.

Gedenken im Wandel: Mahnmal, Museum und… Marvel?
Traditionell denken wir bei dem Wort Gedenken an Kranzniederlegungen, Schweigeminuten und ernste Reden. Doch im 21. Jahrhundert hat sich auch das Repertoire erweitert. Popkultur und Erinnerung – passt das zusammen? Tatsächlich ja, wenn auch oft kontrovers. So gilt etwa die US-Fernsehserie „Holocaust“ (1978) als ein Wendepunkt in der öffentlichen Holocaust-Erinnerung, weil sie erstmals das Leid einer jüdischen Familie in einem Massenmedium fiktional darstellte. Weltweit sahen ca. 500 Millionen Menschen diese Serie; sie hat Diskussionen ausgelöst und das Thema Holocaust in Wohnzimmer gebracht, die sich zuvor kaum damit beschäftigt hatten. Ein ähnliches Phänomen war der Erfolg von „Schindlers Liste“ (1993) im Kino. Solche Beispiele zeigen: Filme und Serien können historische Themen einem breiten Publikum vermitteln und emotional zugänglich machen. Kritiker warnen allerdings vor Trivialisierung – wenn Geschichte zum reinen Unterhaltungselement wird, besteht die Gefahr, dass die Komplexität leidet oder das Leid verharmlost wird .

Auch andere Formen der Popkultur greifen Erinnerungen auf. In Musik etwa thematisieren manche Songs historische Ereignisse (z. B. Lieder über den Mauerfall in Deutschland). Computerspiele rekonstruieren Schlachten oder längst vergangene Zivilisationen; auch hier findet eine Art „spielerisches Erinnern“ statt, wenn auch mit fragwürdiger Genauigkeit. Ein jüngeres Beispiel: In der Normandie plant man ein spektakuläres D-Day-Erlebniszentrum im Disneyland-Stil, um künftigen Generationen die Invasion von 1944 nahezubringen. Das klingt erst mal befremdlich – Krieg als Themepark? Doch die Befürworter argumentieren, dass man so Jugendliche erreichen kann, die keinen Zugang mehr zu den zunehmend abstrakteren Erzählungen finden, „wenn die letzten Zeitzeugen weg sind“. Erinnerung dürfe, so eine pointierte These, „kein Eliteprojekt sein“ – sprich: Man muss neue Wege gehen, um viele Menschen anzusprechen. Solche Ansätze provozieren natürlich die Frage nach Würde und Authentizität. Wo endet sinnvolle Veranschaulichung, wo beginnt die Eventisierung der Geschichte?
Unser Gedenken wandelt sich auch durch neue ästhetische Formen: Interaktive Museen, die mit Multimedia arbeiten, Kunstprojekte im öffentlichen Raum oder partizipative Gedenk-Apps (z. B. kann man via App Biografien von Holocaust-Opfern an ihrem ehemaligen Wohnort abrufen). Die Grenzen zwischen ernster Erinnerungskultur und Populärkultur verwischen hier manchmal. Doch unterm Strich gilt: Erinnerungskultur lebt, solange sie angenommen wird. Jede Generation muss das Erinnern neu lernen. Wenn dafür neue Formen nötig sind – seien es Instagram-Storys zum Gedenken oder Graphic Novels über historische Ereignisse – sollte man sie nicht von vornherein verdammen. Wichtig bleibt, dass der Kern – das ehrliche Auseinandersetzen mit der Vergangenheit – nicht verlorengeht.
Fazit
Öffentliche Erinnerungskultur ist vielfältiger denn je. Sie reicht vom stillen Mahnmal bis zur Netflix-Serie. Entscheidend ist, dass wir achtsam mit Geschichte umgehen: weder verklären noch verdrängen. Jede Gesellschaft muss ihr eigenes Gleichgewicht finden zwischen dem Bewahren schmerzlicher Wahrheiten und dem gemeinschaftsstiftenden Erzählen von Vergangenem. Welche Form des öffentlichen Gedenkens spricht Dich am meisten an? Diskutierst Du lieber in Museen oder berühren Dich Filme und Bücher mehr?




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