Erinnerungskultur - was ist das? Wir erklären den Begriff und die Geschichte.
- Friedemann Götz
- 16. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Erinnern gehört zu unserem Menschsein. Doch was wir erinnern und wie wir es tun, hat sich im Laufe der Geschichte stark gewandelt. Heute gilt in Bezug auf Katastrophen der Vorzeit das Motto „Nie wieder“ – die moralische Pflicht, Unrecht und Leid der Vergangenheit wachzuhalten. Doch war das immer so? Hier beleuchten wir, wie sich Erinnerungskultur historisch entwickelt hat, woher der Begriff stammt und welche Theorien über das Erinnern entstanden sind.

Vom Vergessen zum Erinnern – ein historischer Wandel
Wusstest Du, dass Erinnerungskultur in ihrer heutigen Form ein recht junges Phänomen ist? Tatsächlich war es über Jahrhunderte hinweg oft wichtiger zu vergessen als zu erinnern.
In der Antike und im Mittelalter zogen Herrscher nach Konflikten lieber einen Schlussstrich: Man erließ Amnestien und verordnete kollektives Vergessen, um den sozialen Frieden wiederherzustellen. Ein berühmtes Beispiel ist Athen nach dem Bürgerkrieg von 403 v. Chr., wo die Bürger beschlossen, sämtliches Unrecht der Vergangenheit ruhen zu lassen. Erinnern – vor allem das schmerzlicher Ereignisse – galt als gefährlich, weil es Rachegefühle schüren konnte. Noch im Mittelalter betonte man Versöhnungsrituale statt Vergangenheitsaufarbeitung.
Umso bemerkenswerter ist die Kehrtwende in der Moderne: Erst im 20. Jahrhundert, insbesondere nach den beiden Weltkriegen und dem Holocaust, setzte sich die Überzeugung durch, dass nicht das Vergessen, sondern das Bewahren der Erinnerung der Schlüssel zu Frieden und Gerechtigkeit ist. Heute herrscht breiter Konsens: „Nur wer sich erinnert, kann verhindern, dass sich das Grauen wiederholt.“
Dieser Wandel geschah schrittweise. Nach 1945 etwa wollte man in Deutschland zunächst vieles verdrängen – man behauptete, man habe „nichts gewusst“ vom Geschehenen. Erst die Proteste der 1960er (Stichwort 68er-Bewegung) brachten eine offene Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Die Geschichtswissenschaftlerin Aleida Assmann beschreibt den Durchbruch zur modernen Erinnerungskultur als „neues Paradigma“: Erinnern wurde zur moralischen Pflicht erklärt. Was früher als übermenschliche Leistung erschien – nämlich die Vergangenheit bewusst wachzuhalten, statt sie zu verdrängen – gilt uns heute als Selbstverständlichkeit.

Was bedeutet „Erinnerungskultur“?
Der Begriff Erinnerungskultur bezeichnet den Umgang von Individuen und Gemeinschaften mit ihrer Geschichte. Er ist in den letzten Jahrzehnten zu einem Schlagwort geworden – „inflationär ausgebreitet“ nennt Aleida Assmann ihn und verweist darauf, dass damit sehr Unterschiedliches gemeint sein kann.
Grundsätzlich umfasst Erinnerungskultur alle Formen bewusster Erinnerung an historische Ereignisse und Personen – von Denkmalen und Ritualen bis zu privaten Erzählungen.
Historiker definieren den Begriff als Oberbegriff für den nicht-wissenschaftlichen Gebrauch von Geschichte in der Öffentlichkeit. Das heißt: Erinnerungskultur passiert überall dort, wo Geschichte für die Gegenwart genutzt wird – zur Identitätsbildung, zur Mahnung oder zum Gedenken. Ob ein Nationalfeiertag, ein Volkslied oder ein Familienfotoalbum – all das sind Bestandteile von Erinnerungskultur. Jan Assmann (ja, der Ehemann von Aleida), Kulturwissenschaftler und Begründer der Gedächtnistheorie, formuliert prägnant die Leitfrage jeder Erinnerungskultur: „Was dürfen wir nicht vergessen?“. Im Gegensatz zum Begriff Tradition, der Kontinuität betont, geht es bei Erinnerungskultur also gerade um den bewussten Abstand zur Vergangenheit – um das aktive Erinnern dessen, was nicht in Vergessenheit geraten darf.

Theorien des kollektiven Gedächtnisses – Halbwachs und Assmann
Um zu verstehen, warum und wie wir uns erinnern, lohnt ein Blick auf einige einflussreiche Theorien. Der Soziologe Maurice Halbwachs prägte bereits in den 1920er Jahren das Konzept des kollektiven Gedächtnisses. Seine Kernthese lautet: „Es gibt kein Gedächtnis, das nicht sozial ist.“
Unsere Erinnerungen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern immer in Gemeinschaften – in Familien, Gruppen, Nationen. Jede Gemeinschaft schafft einen Rahmen, der bestimmt, was und wie ihre Mitglieder erinnern. Denke etwa an gemeinschaftliche Rituale oder Erzählungen in Deiner Familie: Sie beeinflussen, woran Du Dich aus Deiner Kindheit erinnerst. Halbwachs’ Idee, dass Erinnern vor allem zwischen den Menschen passiert, bleibt auch heutzutage noch von zentraler Bedeutung.
Die deutsche Forschung hat das Konzept weiterentwickelt. Jan Assmann unterscheidet zwei Formen des kollektiven Gedächtnisses: das kommunikative Gedächtnis, das die lebendige, mündlich überlieferte Erinnerung umfasst (typischerweise etwa drei Generationen oder rund 80 Jahre zurück - oder auch länger, wenn man ein Memora Videoportrait anfertigen lässt ;-) ), und das kulturelle Gedächtnis, das längerfristig in Medien, Kunst und Institutionen verankert ist. Alltagserlebnisse und Erzählungen der Großeltern gehören zum kommunikativen Gedächtnis, während etwa religiöse Überlieferungen, Archive oder Denkmäler zum kulturellen Gedächtnis zählen. Jan Assmann betont, dass Erinnerungskultur immer dann einsetzt, wenn eine Gesellschaft die Grenze der eigenen lebendigen Erfahrung überschreitet – wenn also keine Zeitzeugen mehr leben und man Formen finden muss, Vergangenes dennoch präsent zu halten.
Aleida Assmann – Jans Frau und ebenfalls renommierte Kulturwissenschaftlerin – hat den Begriff Erinnerungskultur genauer ausdifferenziert. Sie spricht von drei Dimensionen:
Erstens der Pluralisierung der Zugänge zur Vergangenheit – heute beteiligen sich nicht nur Historiker, sondern viele Akteure (Museen, Medien, Laien) aktiv an der Aufarbeitung.
Zweitens der identitätsstiftenden Aneignung der Vergangenheit durch Gruppen – man bestätigt also durch gemeinsames Erinnern die eigenen Werte und definiert, wer “wir“ sind .
Und drittens der ethischen Erinnerungskultur, in der eine kritische Auseinandersetzung mit vergangenem Unrecht im Zentrum steht und speziell die Perspektive der Opfer betont wird. Dieser letzte Aspekt – das Erinnern um der Gerechtigkeit willen – ist insbesondere nach dem Holocaust zum Kennzeichen der deutschen Erinnerungskultur geworden. Allerdings war das keineswegs von Anfang an so etabliert: Es brauchte gesellschaftlichen Druck (z. B. die 68er) und einen langen Lernprozess, bis die Verbrechen des Nationalsozialismus als gemeinsame Verantwortung anerkannt wurden .
Erinnern als Aufgabe der Gegenwart
Warum all die Mühe des Erinnerns?
Heute sehen wir darin mehr als nur Geschichtsbewusstsein – nämlich einen Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Bundesweit stehen unzählige Denkmäler und Gedenkstätten, jährlich halten wir Gedenktage ab (etwa den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar) und in Schulen gehört Zeitgeschichte zum Kernstoff. Das alles entspringt der Überzeugung, dass Erinnerungskultur „ein Anker unserer Demokratie“ ist . Indem wir uns offen mit der Vergangenheit auseinandersetzen – seien es glorreiche Kapitel oder dunkle Schatten – stärken wir Werte wie Menschenwürde, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein.
Gerade in Zeiten, in denen extremistische Kräfte Geschichtsbilder für ihre Zwecke verzerren, wird deutlich: Eine lebendige, faktenbasierte Erinnerungskultur dient der Wehrhaftigkeit der Demokratie. Denn sie immunisiert uns ein Stück weit gegen die Instrumentalisierung der Geschichte. Dies bedeutet natürlich nicht, dass alles Vergangene ständig präsent sein muss. Auch das Vergessen hat seine Funktion – etwa um alten Hass ruhen zu lassen. Doch die Kunst liegt in der Balance: Welche Ereignisse dürfen wir niemals vergessen, weil sie uns mahnen? Und wo ist es heilsam, Gras über die Sache wachsen zu lassen, um neu anfangen zu können? Diese Fragen begleiten jede Gesellschaft.
Fazit
Unsere heutige Erinnerungskultur ist das Ergebnis eines historischen Lernprozesses. Sie ruht auf dem Verständnis, dass Erinnern Verantwortung bedeutet – gegenüber den Opfern von gestern und den Generationen von morgen.
Wie siehst Du das? Welches Ereignis der Vergangenheit hältst Du persönlich für so wichtig, dass es nie in Vergessenheit geraten darf?




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