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So versteht die Welt das Konzept Erinnerung

  • Friedemann Götz
  • 28. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Erinnerungen prägen unser Leben. Sie verbinden uns mit unserer Vergangenheit, beeinflussen unser Handeln in der Gegenwart und formen unsere Identität.

Unser Gedächtnis, also unsere menschliche Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu speichern und wieder abzurufen, ist dabei eine grundlegende Funktion unseres Geistes und Gehirns. Ohne sie könnten wir weder aus Erfahrungen lernen noch unsere Erlebnisse mit anderen teilen. Doch was bedeutet der Begriff Erinnerung wörtlich und wie wird das Konzept "Erinnerung" in anderen Sprachen und Sprachfamilien umgesetzt?



Eine Hand hält ein Gehirn aus Plastik

Erinnerungen - eine Schnittmenge hunderter Facetten

Im Laufe der Erarbeitung dieses Blogs möchten wir von Memora die verschiedenen Dimensionen von Erinnerungen näher beleuchten. Dabei haben wir nicht den Anspruch, wissenschaftliche Arbeit voranzutreiben, sondern diese bestmöglich und sinngetreu wiederzugeben. Somit möchten wir einen Blick in die Neurowissenschaften, die Psychologie, Linguistik, Geschichte, Technik, Wirtschaft und Kulturwissenschaft werfen. Das Thema Erinnerungen in seiner Gänze ist eine Schnittmenge aus hunderten Facetten, die zu fassen und beleuchten wir im Laufe der Zeit versuchen möchten.


Als studierte Linguisten liegt uns dieser Schwerpunkt besonders am Herzen, weswegen wir hierauf einen besonderen Fokus legen können. Let's go.


Ein Haufen geöffneter Bücher

Die Etymologie des Begriffs "Erinnerung"


Woher kommt das deutsche Wort "Erinnerung"?


Erinnerung (und das Verb erinnern) ist im Deutschen mindestens seit dem 16. Jahrhundert schriftlich belegbar. Schon das althochdeutsche innaron– eine Vorform von erinnern – bedeutete ursprünglich „jemandem etwas verinnerlichen, gewahr werden lassen“ . Dieser Ausdruck leitet sich von innaro („das Innere“) ab und verdeutlicht ursprünglich, dass man sich etwas zu Eigen macht, indem man es nach innen nimmt.

Erst im Neuhochdeutsch gewann erinnern die heutige Bedeutung „sich ins Gedächtnis zurückrufen“ – ganz wörtlich also in der modernen Sprache das Wieder-ins-Innere-Bringen eines vergangenen Erlebnisses. Interessanterweise betont das deutsche Wort damit das Innerliche der Gedächtnisleistung.



Wie bilden andere Sprachfamilien das Konzept Erinnerung ab? So versteht die Welt das Konzept Erinnerung


Indogermanische Sprachen

In vielen anderen indogermanischen Sprachen verweist der Wortstamm dagegen eher auf das Denken oder Gedenken an sich. So geht etwa lateinisch memoria („Gedächtnis“) auf die protindo-europäische Wurzel smer- („sich erinnern“) zurück , welche mit men- („denken“) verwandt ist. Diese begriffsgeschichtliche Spur führt uns vor Augen, dass die Menschen seit jeher versuchen, das Phänomen Erinnern in Worte zu fassen – sei es als etwas, das man innerlich bewahrt, oder als aktives In-den-Sinn-Rufen vergangener Erfahrungen.

Das altgriechische Wort für Erinnerung lautet mnḗmē (μνήμη) – verwandt mit mnē-, „denken, erinnern“, aus derselben Wurzel wie lateinisch memoria.

Spannend ist der kulturelle Kontext:

  • Die antiken Griechen personifizierten die Erinnerung als Mnemosýne: die Titanin, Mutter der Musen.

  • Erinnerung ist hier also nicht nur ein innerer Vorgang, sondern die Grundlage aller Kunst, Wissenschaft und Geschichtsschreibung. Ohne Erinnerung gibt es keine Muse – keine Kreativität, keine Bildungstradition.



Ein Kamel schaut in die Kamera in Wüstensetting


Semitische Sprachen (Hebräisch und Arabisch)


Abseits der indogermanischen Welt entwickeln andere Sprachfamilien ganz eigene, kulturell geprägte Konzepte von Erinnerung. In den semitischen Sprachen etwa meint Arabisch dhikr nicht nur Erinnerung, sondern zugleich Gedenken, Rezitation und das lautliche Wieder-Aufrufen – Erinnerung wird hier als wiederholtes Benennen gedacht. Hebräisch zikaron umfasst Erinnerung, Denkmal und Gedenktag und zeigt, wie zentral das kollektive Erinnern für jüdische Kultur und Religion ist. Gleichzeitig unterstreicht der Wortstamm des Konzepts "Erinnern" hier die wörtliche Erzählung, rituelles Rezitieren und somit die Schaffung einer Identität durch sprachliche Produktion.


Ein japanischer Garten mit Pagode

Ostasiatische Sprachen (sinotibetische und japanische Sprachen)

In ostasiatischen Sprachen finden wir wiederum ein anderes Bild: Modernes Chinesisch unterscheidet zwischen 记忆 oder jìyì („aufschreiben + Bewusstsein“, also Gedächtnis als Festhalten) und 回忆 oder huíyì („zurückkehren + gedenken“), das das aktive Zurückgehen in die Vergangenheit betont. Eine dritte Wendung 追忆 oder zhuīyì („verfolgen + erinnern“) ist eher als poetischer Ausdruck zu verstehen und meint das eher nostalgische Nachsinnen.

Japanisch trennt präzise zwischen 記憶 kioku (kognitives Gedächtnis) und 思い出 omoide – persönliche Erinnerungen als „herausgedachte Dinge“, Bilder, die aus der Tiefe hervortauchen und oft emotional gefärbt sind.


ein Zebra grast unter einem blattlosen Baum in der Savanne Afrikas

Afrikanische Sprachen

Afrikanische Bantu-Sprachen wie Swahili wiederum fassen Erinnerung sozial: kumbukumbu bedeutet zugleich Erinnerung, Gedenken und Denkmal. Das Erinnern ist hier nicht nur ein innerer Vorgang, sondern das Bewahren einer Person im Gedächtnis der Gemeinschaft.



Ein Vintage Globus steht auf der Fensterbank


Was bedeutet „Erinnerung“ – eine Zusammenfassung der Sprachfamilien

Aus den verschiedenen Sprachfamilien lassen sich mehrere Grundmodelle des Erinnerns herauskristallisieren, die sich trotz aller kulturellen Unterschiede erstaunlich sinnvoll ergänzen:


  1. Erinnerung als Innerlichkeit wie im Deutschen (er-innern): etwas nach innen nehmen, etwas in sich bewahren.

  2. Erinnerung als Denken und Gedenken wie im Lateinischen (memoria) oder Altgriechischen (mnēmē): erinnern als Teil des Denkens, des Bewusstseins.

  3. Erinnerung als sprachliches Wieder-Aufrufen. Semitische Sprachen (Arabisch dhikr, Hebräisch zikaron): Erinnerung als rituelles Rezitieren, Benennen und Gedenken.

  4. Erinnerung als Rückkehr in die Vergangenheit. Im Chinesischen huíyì: „zurückkehren + gedenken“, daneben jìyì als Bewahren.

  5. Erinnerung als Auftauchen innerer Bilder wie im Japanischen (omoide): Erinnerungen steigen aus der Tiefe auf wie innere Bilder.

  6. Erinnerung als gemeinschaftliches Bewahren in den Bantu-Sprachen (Swahili kumbukumbu): Erinnerung als Denkmal, Gedenken, sichtbares Festhalten.




Fazit: Das bedeutet Erinnerung aus linguistischer Sicht


Erinnerung ist Inneres und Äußeres, Denken und Fühlen, Individuum und Gemeinschaft, Rückkehr und Bewahrung, Bild und Sprache. Keine Sprache fasst alles, aber gemeinsam ergeben sie ein vollständigeres Verständnis davon, was Erinnern für uns Menschen bedeutet. Das ist also die Antwort: So versteht die Welt das Konzept Erinnerung.


Und genau dieses Verständnis ist der Kern dessen, was uns bei Memora motiviert:

Erinnerungen werden lebendig, wenn wir sie festhalten, erzählen, teilen und bewahren. Sei es für uns selbst oder für die Menschen, die nach uns kommen.

Wir nennen es Kultur, denn lat. colere bedeutet pflegen, bebauen, kultivieren und rituell erinnern: Kultur ist, was Menschen pflegen und weitergeben.



Eine ältere Dame blickt lächelnd zur Seite

Das bedeuten die sprachlichen Konzepte für Memora


Wir von Memora geben Erinnerungen einen inneren Ort (deutsch: er-innern), indem wir sie in ruhigen, würdevollen Interviews in Worte fassen.

Wir verwandeln sie in Erzählungen, die weitergegeben werden können (semitisch).

Wir schaffen Bilder, die aus der Tiefe des Gedächtnisses hervortauchen (japanisch).

Wir ermöglichen eine Rückkehr zu wichtigen Momenten (chinesisch).

Und wir bewahren Lebensgeschichten für Gemeinschaften und Familien – als modernes „kumbukumbu“.


Ein Videoportrait von memora ist damit kein technisches Produkt, sondern eine zeitgemäße Form eines uralten menschlichen Bedürfnisses: Erinnerungen zu wahren, damit sie bleiben.


Werde jetzt aktiv und wahre auch Du die Erinnerungen von geliebten und geschätzen Menschen Deiner Familie und Gemeinschaft.




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